Artikel Achtsamkeit und Krebs

Published by Martina Esberger on

Die Komplementärmedizinische Anwendung von Achtsamkeit bei Menschen mit Krebs. Ein Erfahrungsbericht als Angehörige und achtsamkeitsbasierte Trainerin (MBSR, MBCT-Cancer, Breathworks Mindfulness, Yoga)

Seit über fünf Jahren unterrichte ich Achtsamkeit für Menschen mit Schmerzen, chronischen Erkrankungen und insbesondere für Menschen mit Krebs. Was als Wochenend-Workshop im Rahmen der Reihe „Mit dem Myelom im Gepäck besser leben“ (für die Multiples Myelom Selbsthilfe Österreich) mit einer Zusammenstellung achtsamkeitsbasierter Methoden aus dem Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR), Breathworks Mindfulness (UK) und Mindfulness-Based Compassionate Living Programmen begann, hat sich zu einem festen Curriculum entwickelt und wird jedes Jahr für Patient*innen mit Multiplem Myelom angeboten. Eine wissenschaftliche Evaluierung ist geplant. 

Was ist Achtsamkeit (engl. Mindfulness)?

Achtsamkeit ist eine jahrtausendalte Technik, bei der es darum geht, die eigenen Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle bewusst wahrzunehmen, ohne zu urteilen, und im gegenwärtigen Moment präsent zu sein. 

Achtsamkeits-basierte Interventionen für Krebs

Seit den 2000er Jahren, gibt es wissenschaftlich erprobte, speziell für den Umgang mit Krebs entwickelte Achtsamkeitsprogramme. Mindfulness-Based Cognitive Therapy for Cancer (MBCT-Cancer), wurde von der Psychologin, Mindfulness-Expertin und ehemaligen Krebspatientin Trish Bartley vor über zwanzig Jahren in Großbritannien auf der Basis der Mindfulness-Based Cognitive Therapy (MBCT) entwickelt. MBCT-Cancer legt den Fokus auf die psychischen und emotionalen Themen bei Menschen mit Krebs. Das Programm wird im Gruppensetting in einem achtwöchigen Format angeboten, jeweils etwa 2 bis 2,5 Stunden pro Woche, mit einem neuen Krebs-bezogenen Schwerpunkt jede Woche.

Eine weitere, auf MBSR basierende, achtsamkeitsbasierte Intervention ist „Mindfulness-Based Cancer Recovery (MBCR)“, die von Prof. Linda Carlson, psychosoziale Onkologin, und Michael Speca, klinischer Psychologe an der University of Calgary, bereits in den späten neunziger Jahren ins Leben gerufen wurde. Über MBCR gibt es zahlreiche wissenschaftliche Publikationen. Den neunwöchigen Kurs haben in Kanada über 2000 Patient*innen besucht.

Vor kurzem absolvierte ich eine Online-Ausbildung zur MBCT-Cancer Trainerin mit Trish Bartley und der Psychotherapeutin sowie Mindfulness-Expertin Christina Shennan am Oxford Mindfulness Center. Über einen Zeitraum von zwei verlängerten Wochenenden wurde der Aufbau und die Hintergründe von MBCT-Cancer aus Lehrersicht erläutert, mit vielen Übungsmöglichkeiten und gegenseitigen Interaktionen. Besonders spannend war der Austausch in der internationalen Teilnehmergruppe mit Menschen aus drei Kontinenten. Voraussetzung für die Zulassung, ist eine Achtsamkeitslehrersausbildung entweder in MBSR- oder MBCT, sowie Erfahrung im Unterricht damit. Es war eine sehr inspirierende, bereichernde und informative Weiterbildung. 

Warum Achtsamkeit bei Krebs?

Achtsamkeit wird zunehmend in verschiedenen Stadien der Krebsbehandlung eingesetzt, meist nach erfolgter konventioneller Therapie oder währenddessen. Positive Auswirkungen von Achtsamkeitspraktiken werden insbesondere beim Umgang mit Nebenwirkungen der Behandlung und mit Symptomen des Krebsverlaufs beobachtet, vor allem bei der Bewältigung der immensen psychischen Belastung der Erkrankung. Achtsamkeitskurse bieten Instrumente, um mit Angst, Stress, Sorgen und der emotionellen Landschaft sowie mit Empfindungen im Körper, während und nach der Therapie umzugehen. Für viele Menschen ist es eine Möglichkeit, sich in einer vulnerablen Phase erneut mit dem Leben zu verbinden. In Gruppensettings bringt die Verbundenheit mit Menschen, die an derselben Krankheit leiden die Gelegenheit zum Austausch sowie die Entwicklung von Mitgefühl, dass weit über den Einzelnen hinausgeht.

Ein weiterer Aspekt ist die Rolle der Akzeptanz, oder die positive Annahme einer Erkrankung in Hinblick auf den Umgang. Die Diagnose trifft Menschen meist völlig unerwartet. Manchmal zum Teil nicht wahrhabend wollend, erstarren Menschen und reagieren mit Fragen wie „Warum ich?“ und „Woher?“, sowie mit düsteren Zukunftsszenarien. Achtsamkeit lehrt, dass Leid = Schmerz x Widerstand. Eine Einstellungsänderung gegenüber dem Krebs ermöglicht einen positiveren Umgang mit einer nicht veränderbaren Tatsache und erleichtert die Sicht darauf. Der Krebs wird vorsichtig akzeptiert, statt intern bekämpft zu werden. Haltungen wie Selbstmitgefühl und Freundlichkeit sich selbst gegenüber, beeinflussen eine Aufhellung der Stimmung in dieser schwierigen Lebensphase. 

Achtsamkeit und Yoga bieten eine alternative Art, mit sich selbst umzugehen, durch eine bessere Kenntnis der physischen, kognitiven und psychischen Vorgänge im Körper und Geist.  Achtsamkeitsmeditationen, oft in sehr kurzen Sequenzen, leichte Bewegungsübungen aus dem Yoga, Atemübungen, Body Scan oder Gehübungen sind sowohl in guten als auch in herausfordernden Zeiten praktizierbar. Onlinekurse erleichtern den Zugang von zu Hause.

Wissenschaftliche Erkenntnisse untermauern Outcomes

Die komplementärmedizinische Anwendung achtsamkeitsbasierter Interventionen (MBIs) wächst enorm seit der Entwicklung von MBSR durch Prof. Jon Kabat-Zinn am Massachusetts General Hospital in den siebziger Jahren. Achtsamkeit zählt zu den meistuntersuchten komplementärmedizinischen Methoden. Allein im Jahr 2024 wurden über 1300 Studien zu Achtsamkeit publiziert und die Anzahl steigt von Jahr zu Jahr (American Mindfulness Research Association; https://goamra.org/Library). Unter anderem werden MBIs bei Menschen mit Depressionen, sozialen Phobien, Essstörungen, Sucht, HIV/AIDS, Schmerz, Diabetes, Fibromyalgie, Multipler Sklerose, Bluthochdruck und vielen anderen Erkrankungen erfolgreich untersucht und angewendet. 

Obwohl Achtsamkeit aus dem Kontext der östlichen Weisheitstraditionen stammt, ist die Evidenz für die Wirksamkeit als komplementärmedizinische Anwendung im Rahmen der Body-Mind-Medizin zunehmend in der modernen Wissenschaft verankert.

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